Alles begann nämlich mit einem großen Knall.
Stellt euch ein Dorf in den Bergen vor. Es ist noch früh am Morgen, die Sonne geht gerade über den Gipfeln auf und vertreibt die letzten nächtlichen Nebelschwaden. Die Dächer der bunt verstreuten Häuser glänzen golden und der Hahn von Bauer Kratzfuß kräht auf seinem Misthaufen, um den neuen Tag zu begrüßen. Aus dem Schornstein des Backhäuschens schlängeln sich dünn die ersten Rauchfahnen empor – das Dorf erwacht.
Und dann: Ein ohrenbetäubendes Krachen von zersplitterndem Holz, die Erde bäumt sich auf. Balken knarren, als würde eine Sturmböe über das Land fahren. Dumpfes Dröhnen hallt die Berge hinauf und bricht sich in donnernden Wogen, nur langsam verebbt das Grollen in fernen Tälern. Dann legt sich Stille über das Dorf.

So rüde wie an diesem Morgen war Raban selten geweckt worden. Den großen Knall selbst hatte er verschlafen, aber der Nachhall hing noch zwischen den Gipfeln, als er aus dem Bett sprang und ans Fenster lief. Von seinem Häuschen am Dorfrand aus konnte er die einzige Straße entlang bis auf den zentralen Platz schauen – nur dass es an diesem Morgen kaum etwas zu sehen gab: Staubwolken und die ersten erschreckten Gesichter, die sich wie das von Raban in Luken und Türen zeigten.
Das, was man nicht sah, war viel erschreckender. Zunächst wunderte sich Raban nur darüber, dass irgendetwas anders war, irgendetwas, das so vertraut war, dass man sein Fehlen zuerst als Gefühl und dann, im Nachhinein, bewusst wahrnahm. Seit er denken konnte, hatte die alte Linde den Dorfplatz mit ihren weit ausgebreiteten Ästen überragt. In ihrem Schatten hatte er als Kind gespielt, dort trafen sich die Alten auf ein Pläuschchen und die Jungen, um nachts einen schüchternen Kuss oder ein heimliches Lächeln zu stehlen. Wenn dieser Ort, diese Ansammlung von Häusern und Menschen, von Kühen, Ziegen und Hennen ein gemeinsames Herz hatte, dann musste es die alte Linde gewesen sein.
Und jetzt war sie weg.
Nichts war mehr übrig vom Blätterdach, das sich bis hin zum Brunnen am Rand des Platzes gewölbt hatte, nichts mehr vom Stamm mit all seinen Furchen und Windungen.
Nichts mehr vom weiten Wurzelwerk, in dem Rabans Freund Borken wohnte ….
Einen Augenblick später lief Raban die Dorfstraße hinunter.

Borken Farnwedel stand vor den Ruinen seiner Linde und rang die Hände. Tränen liefen ihm über das Gesicht, die Haare standen noch wilder und wuscheliger um seinen Kopf als sonst. „Ich habe fast 140 Jahre an diesem Garten gearbeitet“, jammerte er, „noch ein paar Jahrzehnte und er wäre perfekt gewesen. Meine Moosbeete, die Mottenpilze …. alles weg … was soll ich denn jetzt machen?“
Ihr könnt euch kaum vorstellen, wie erleichtert Raban war, als er seinen Freund unversehrt am Rand der ganzen Zerstörung stehen sah. Er trat auf ihn zu, ließ sich auf ein Knie nieder und schaute Borken erst einmal gründlich an.
„Gehts dir gut?“
Der Wurzelwicht guckte mit großen Augen zurück, schüttelte den Kopf, nickte: „Ich weiß nicht … ich denke schon. Ich bin ein bisschen durcheinander.“
„Kein Wunder.“ Raban erhob sich und warf einen Blick über die Trümmer, die den Platz übersäten. „Ein Glück, dass dir nichts passiert ist.“
„Ich war Wasser holen.“ Borken deutete hinüber zum Brunnen, seine Hand zitterte, „der erste Eimer war gerade voll, zum Gießen. Die Heidelbeeren brauchen viel Wasser gerade … “ Er schüttelte den Kopf. „Mir sausen die Ohren. Ich denke, mit meinen Beinen ist etwas nicht in Ordnung … “
„Setz dich erst mal hin,“ Raban lächelte aufmunternd, „du hattest wirklich Glück. Was ist mit deiner Wohnung?“ Meinst du, da ist noch was zu retten?“
„Die Wohnung? Du meine Güte, daran habe ich noch gar nicht gedacht!“ Borken rieb sich die Augen und zog die Nase hoch. „Wenn die Vase, die mir Tantchen Holzwurm geschenkt hat, kaputt gegangen ist, macht sie Wurzelpudding aus mir.“ Er hielt kurz inne, dann huschte ein Lächeln über sein tränennasses Gesicht. „Auf der anderen Seite gibt es ja eigentlich nichts mehr, was sie besuchen könnte. Und um die Vase wäre es nun wirklich nicht schade. Die habe ich sowieso nie leiden können.“
Daran könnt ihr mal sehen, was für ein unerschütterliches Gemüt der Wurzelwicht im Grunde hatte. Er rubbelte sich noch kurz die Backen trocken, krempelte die Hemdsärmel hoch und guckte an Raban hinauf.
„Also, womit fangen wir an?“

Zuerst begannen sie, die gröbsten Bruchstücke aus dem Weg zu räumen. Dabei fiel Raban etwas auf: Genau im Zentrum der Verwüstung, dort, wo gestern Abend noch Borkens Linde gestanden hatte, stieg ein dünnes Fädchen Rauch auf, kaum sichtbar in der Morgensonne. Raban kletterte über die Reste der Linde und bückte sich, um zu nachzuschauen, wo der Qualm herkam.
Das war nun erstens ziemlich unvernünftig: Wer konnte wissen, was das war? Es hätte ja gefährlich sein können, immerhin hatte es einen dicken Baumstamm zerschlagen! Und zweitens kann man hier sehen, wie bei Raban das Heldentum durchkommt: Kaum gibt es etwas Interessantes zu finden, schon lässt er Borken alleine mit der Arbeit! Ich denke, das ist ein sicheres Merkmal für Helden: Während andere Leute sich die Hände schmutzig und den Rücken krumm machen, ziehen sie los und retten zum Beispiel Prinzessinnen oder erschlagen Krokodile in der Kanalisation, statt sich um die Kinder zu kümmern oder den Abfluss endlich einmal gründlich sauber zu machen. Dafür haben Helden natürlich auch ihr unbestreitbar Gutes und Raban war ja noch keine richtiger Held. Nur die Anlagen waren schon zu sehen. Er war gewissermaßen, wie sich im weiteren Verlauf dieser Geschichte zeigen wird, zum Helden vorherbestimmt.
Ich sage das, weil so viel Tatendrang für Raban eigentlich eher ungewöhnlich war. Normalerweise stand er lieber an der Seite und ließ die anderen tun, was zu tun war. Aber hier ging es um seinen Freund Borken. Da war es naheliegend, dass Raban sich betroffen fühlte und außerdem schien ihm von diesem Objekt in der Mitte all dieser Verwüstung eine ganz eigenartige Anziehungskraft auszugehen … Also tat er etwas, was ihm sonst nicht einmal im Traum in den Sinn gekommen wäre und was, um es noch einmal zu sagen, ganz heldenhaft unvernünftig war.
Raban eben: Ein bisschen neugierig und ziemlich unbedarft. Weshalb hätte er auch misstrauisch sein sollen? Ihm war in seinem ganzen Leben noch nichts Böses begegnet – zumindest, soweit er sich erinnern konnte. Er lebte in den Tag hinein und bis jetzt hatte ihn noch kein Tag enttäuscht – er ließ es sich gut gehen. Ab und an half er den anderen Dörflern mit kleinen Arbeiten aus und weil seine Stupsnase so sympathisch unter dem Blondschopf hervor linste, versorgten ihn seine Mitbürger mit dem, was er brauchte. Viel war das nicht. Aber Raban brauchte nur wenig, um zufrieden zu sein und er fragte sich nie, warum sein Leben so war, wie es war. Genau genommen wollte er nicht wirklich nachdenken über die tieferen Dinge und über das, was nach Übermorgen kommen könnte: Raban war ein freundlicher Faulpelz, der am liebsten vor seiner Hütte am Dorfrand saß und die Welt an sich vorüber ziehen ließ.

Jetzt haben wir ihn einen Augenblick lang aus den Augen gelassen und schon hat er sich die Finger verbrannt …
Ja wirklich, Raban stand da, schaute ein wenig verschämt um sich und steckte den Daumen in den Mund, um ihn zu kühlen. Das Etwas, das vor ihm auf dem Boden lag, war noch glühend heiß. Aber von ein wenig Hitze ließ sich Raban nicht abhalten. Er zog ein Stück Stoff aus der Tasche, umwickelte damit seine rechte Hand, bückte sich und hob das widerspenstige Ding vorsichtig auf. Wie groß war sein Erstaunen, als er es ins Licht hielt! Auf seiner Handfläche, eingebettet in ein nicht mehr ganz weißes Taschentuch, funkelte ein runder Stein – eine Art Murmel – in tausend Schattierungen. Blau und Grün, dazwischen beige und goldbraune Flecken, ein wenig Rot, hier und da Splitter von funkelndem Kristall: ein wirbelnder Tanz von Farben in einer Kugel, die nicht viel größer war als eine Haselnuss. Je näher er sie sich anschaute, desto mehr schien es ihm, als würden sich Bilder abzeichnen in der bunten Vielfalt, Formen, die ihm seltsam bekannt vorkamen. War das nicht eine Gebirgskette mit schneebedeckten Gipfeln? Und dort, das sah doch aus wie ein Wald, durchzogen von Wasserläufen. Wenn man genau hinsah, konnte man auf einem der ockergelben Äderchen – ein Weg? – sogar Bewegung erkennen, winzige Wägen und Reiter. Konnten das Menschen sein, die hin und her liefen? Auf einem größeren blauen Fleck waren Boote zu sehen, nein, eine ganze Flotte von Schiffen, denen der Wind die weißen Segel blähte … Raban bemerkte nichts mehr um sich herum: Er stand da, weltvergessen, versunken im Anblick des Steins.

„Kann mir mal einer erklären, was hier passiert ist?“
Das war der Bürgermeister. Raban hörte normalerweise nicht einmal hin, wenn der fette Wirtshausbesitzer sprach, aber in diesem Fall hatte der ja irgendwie recht mit seiner Frage. Trotzdem konnte ihm vorerst niemand weiterhelfen: Es wusste ja keiner, was wirklich vorgefallen war. Es hatte nur jeder den Schlag gespürt und das dumpfe Grollen einen Augenblick später. Die alte Martha erzählte, dass ihre Küche so gewackelt hätte, dass der Putz von der Decke gerieselt sei, aber das trug nur wenig zur Klärung der allgemeinen Verwirrung bei. Und Borken war noch viel zu aufgebracht, um überhaupt etwas beisteuern zu können. Was hätte er auch sagen sollen? „Ich war am Brunnen, um Wasser zu holen, da reißt es mich von den Beinen und alles dröhnt und dreht sich und als ich wieder zu Atem komme, ist meine arme Linde nur noch ein Haufen Holzsplitter. Und der Dorfplatz hat ein Riesenloch in der Mitte.“ Das hätte die ganze Sache nicht besser gemacht. Der Bürgermeister jedenfalls beschloss, dass es an der Zeit sei, die Angelegenheit in die eigenen Hände zu nehmen. Als er Raban so versonnen inmitten des ganzen Chaos stehen sah, schob er ein paar der umstehenden Dorfbewohner zur Seite (inzwischen war der ganze Platz voller Menschen), stieg schnaufend über einen abgerissenen Ast hinweg und wedelte mit seiner dicken, roten Pranke vor Rabans Nase hin und her.
„Haaaaallo! Schläfst du mal wieder am helllichten Tag? Wenn du was gefunden hast, wäre es dann zu viel verlangt, es uns auch mal zu zeigen?“
Nur widerwillig löste Raban den Blick. Das lag zum einen daran, dass der Stein ihn so faszinierte, zum anderen aber auch daran, dass er genau wusste, was jetzt folgen würde: ein paar bissige Bemerkungen des Bürgermeisters und dann müsste er seinen kleinen Schatz abgeben. Nur damit er dann für immer in einer der Truhen im Wirtshauskeller verschwände.
Oder auch nicht.
Hinter dem Bürgermeister hatte sich die alte Martha einen Weg durch die Verwüstung gebahnt. Erst stellte sie sich auf die Zehenspitzen und linste dem dicken Wirt über die Schulter, dann holte sie tief Luft und begann zu kreischen. Ich kann euch sagen, das Kreischen von Martha war etwas ganz Besonderes. Man hatte das Gefühl, als ob einem das Gehirn durch die Ohren nach draußen gezogen würde: ganz und gar nicht angenehm.
„Ein Fluch ist über uns gekommen“, rief sie, „ein Zauber hat unsere heilige Dorflinde zerstört!“
Dass der Baum, der all die Jahre in der Mitte des Platzes gestanden hatte, nun plötzlich heilig gewesen sein sollte, kam für die meisten der Umstehenden etwas überraschend – vor allem für Borken. Aber selbst wenn der eine oder andere seine Zweifel hätte anmelden wollen, hätte er einen schweren Stand gehabt. Es war nicht einfach, der alten Martha zu widersprechen, wenn sie gerade am Kreischen war, schon allein deshalb, weil man eher damit beschäftigt war, sich die Ohren zuzuhalten und, wie gesagt, sein eigenes Gehirn an der Flucht zu hindern.
„Ich sage euch, es ist eine Warnung! Ein Zeichen!“
Das leuchtete ein. Wenn jemand ein Zeichen geben wollte, konnte er es wohl kaum eindrücklicher tun als mit einem solchen Knall in der Morgendämmerung. Nur Raban schaute ein wenig skeptisch und murmelte leise: „Ein Zeichen für was? Eine Warnung wovor?“ Aber wenn überhaupt, vernahm nur Borken, was sein Freund da sagte, alle anderen hörten noch immer Martha zu, die gerade dabei war, voller Inbrunst von dem schrecklichen Schicksal zu erzählen, das über das Dorf käme, würde man der Warnung nicht Folge leisten. Sie beschwor Steinschläge herauf – immerhin möglich im Gebirge – Hungersnot – unwahrscheinlich: Die Ernte war gut gewesen, die Speicher bis zum Dach gefüllt – und Überschwemmungen. Als sie die Wasserfluten schilderte, die die Straßen hinunter schäumen und Mensch wie Tier mit sich reißen würden, erntete Martha dann doch ein paar ungläubige Blicke. Es war nun wirklich zu unwahrscheinlich, dass sich das fröhlich glucksende Bächlein, das sich durch die Wiesen vor dem Dorf schlängelte, plötzlich zu einem reißenden Strom entwickeln sollte. Aber wer weiß schon, was geschieht, wenn übernatürliche Mächte im Spiel sind? Und natürlich war es ja nun gerade nicht, was eben geschehen war, da konnte Martha noch so viel Unsinn reden.

Jedenfalls traute sich keiner der Umstehenden so recht, den seltsam warmen Stein, der ja offensichtlich vom Himmel gefallen sein musste, anzufassen. Der Bürgermeister überzeugte sich nur kurz, dass es sich nicht etwa um einen Edelstein handelte – „Ein Opal vielleicht? Nein, schade …“ – dann drückte er ihn Raban wieder in die Hand, merklich erleichtert, das seltsame Ding los zu sein. Denn obwohl er in seinem Bemühen, selbstsicher zu wirken, in der Gegend herum stolzierte wie ein Truthahn auf dem Hühnerhof, konnte der Bürgermeister nicht verbergen, dass er ganz einfach Angst hatte: Angst davor, dass der Stein etwas Schlimmes bedeuten könnte. Dass noch etwas nachkommen könnte, etwas ganz und gar unkontrollierbares.
Also schien es ihm am besten, den Stein möglichst schnell möglichst weit fort zu schicken.
Und da der Bürgermeister Raban ohnehin nicht leiden konnte, war die ganze Geschichte für ihn eine gute Gelegenheit, den ungeliebten Taugenichts loszuwerden. Das ist ein bisschen traurig, denke ich, aber manche Leute neigen dazu, Dinge oder Menschen, mit denen sie nicht zurechtkommen, aus dem Weg zu schieben.
Es ist schnell gesagt, was der Bürgermeister seinen Schäfchen mit vielen schönen Worten verkündete: Da sich Raban ja schon als Hüter erwiesen habe, weil er ein kräftiger, gesunder Bursche und, mit Verlaub, kein anderer im Dorf gerade abkömmlich und entbehrlich sei – aus diesen Gründen wäre doch Raban der ideale Kandidat dafür, los zu ziehen und heraus zu finden, was es mit diesem Zeichen, mit diesem Stein auf sich habe.
„Verantwortungsvolle Aufgabe …“, dachte Raban bei sich, „dass ich nicht lache! Ich bin wahrscheinlich der Einzige hier, der keine Angst vor dem Ding hat.“
Aber Raban hatte ganz und gar keine Lust, aus dem Dorf fortzugehen. Er fühlte sich wohl in seiner – wir wollen ehrlich sein – faulen Haut. Kein Anlass, das bequeme Leben aufzugeben und in die Ferne zu ziehen. Davon abgesehen kam ihm die Welt außerhalb des Dorfes ein wenig bedrohlich vor. Wer wusste schon, was da alles auf ihn wartete?
Also schüttelte er den Kopf und rief laut in die Runde: „Warum ich?“
Raban sah sich um. Alle Augen schienen auf ihn gerichtet zu sein, aber wenn er direkt zurück schaute, ging eine Verlegenheit über die Gesichter und die Blicke wichen aus wie scheue Tierchen. Der Schmied senkte den Kopf und fing an, mit dem Fuß Kreise in den Staub zu ziehen. Der Bäckermeister interessierte sich plötzlich brennend für einen Fleck auf seiner Schürze und die alte Martha nestelte ein Taschentuch hervor, hob es an die Nase und begann, sich ausgiebig zu schnäuzen.
„Ich bin nicht der Richtige für so etwas! Das wisst ihr doch!“
Mit vorgestreckter Hand – „Hier ist der Stein, nehmt ihn, ich will ihn nicht!“ – ging Raban auf die Menge der Dorfbewohner zu. Mit jedem Schritt wichen sie weiter zurück, einen Meter, zwei, bis er allein in einem Halbkreis betretener Gesichter stand.
„Was soll das? Wollt ihr mich wirklich wegschicken?“
Die anderen sagten nichts. Niemand begegnete seinem Blick, niemand antwortete auf seine Fragen, auf das Angebot, ihm die bunte Murmel abzunehmen und hinauszugehen in die unbekannte Welt.
Der Bürgermeister winkte Raban näher heran, beugte den Kopf an sein Ohr und flüsterte: „Ich will, dass DU gehst. Weil du ein Tunichtgut und Tagedieb bist. Weil du es den braven Leuten hier im Dorf schuldest, auf deren Kosten du dein ganzes Leben gelebt hast. Zeig dich erst wieder hier im Dorf, wenn du etwas Sinnvolles zustande gebracht hast.“
Nun hätte sich Raban natürlich noch länger wehren können. Dass er es nicht tat, zeigt vielleicht, dass sich schon wieder ein Keim von Heldentum in ihm regte und dass er durchaus ein wenig Lust hatte, auf Wanderschaft zu gehen. Unter Umständen hatte er aber auch einfach Angst vor dem Bürgermeister, wer weiß?

Irgendwann, nach vielem unnützen Hin-und-Her-Gerede und nachdem die Magd eine Lage Bier aus dem Wirtshaus herbei getragen hatte, hob der Bürgermeister seine Hand, wartete ab, bis er die Aufmerksamkeit aller Anwesenden hatte und fragte: „Seid ihr einverstanden, dass Raban dieses Ding an sich nimmt und damit in die Stadt geht, um einen klugen Menschen dazu zu befragen?“
Zustimmendes Gemurmel wurde laut, eine Menge nickender Köpfe drehte sich zu Raban hin. Der Bürgermeister setzte sein feierlichstes Gesicht auf und sagte: „Die Hoffnung und die Sicherheit unserer Heimat ruhen auf deinen Schultern, mein Junge.“ Sein buschiger Schnurrbart zitterte vor Ergriffenheit. „Erweise dich unser als würdig!“
Damit war es beschlossen. Raban sagte nichts. Er schaute noch einmal in die Runde, sog das Bedauern und die Verlegenheit der Dorfgemeinschaft in sich auf und zuckte die Schultern. Dann drehte er sich um und ging zurück zu seinem Häuschen. Die Murmel hielt er so fest umklammert, dass ihn die Finger schmerzten.

Von Rabans Aufbruch gibt es nur wenig zu berichten. Daheim angekommen, schnürte er ein paar Sachen zu einem Bündel zusammen, fettete die Wanderstiefel kräftig ein und legte sich den warmen Mantel bereit. Aus einer Schublade kramte er einen kleinen Beutel aus Leder hervor, in den er den merkwürdigen Stein hinein gleiten ließ. Dann band er sich das Säckchen mit einem Riemen um den Hals.
Als es langsam dämmrig wurde, setzte er sich auf die Bank vor seiner Hütte und schaute in den Sonnenuntergang.
Ich denke, wir lassen ihn jetzt allein. Er muss schließlich Abschied nehmen und ein bisschen traurig ist das ja immer.

Nein, da ist noch etwas, ganz kurz: An diesem Abend bekam Raban Besuch von Borken. Der schlenderte, die Arme hinter dem Rücken verschränkt, den Weg vom Dorf herunter und setzte sich neben Raban auf den Boden. Wurzelwichte spüren gerne die Erde unter sich, deshalb meiden sie Stühle und Ähnliches. Außerdem sind die meisten Möbel sowieso viel zu groß für sie.
„Raban“, sagte Borken, „du wirst ja dann morgen losgehen, denke ich.“
Raban nickte und schaute nach einer Wolke, die in der untergehenden Sonne golden am Himmel loderte: eine Flamme aus Licht, dahin gehaucht vom vergehenden Herbstabend.
„Weißt du, ich habe mir gedacht“, fuhr der Wurzelwicht fort, „meine Wohnung ist nicht mehr zu gebrauchen und ohne Baum kann ich hier ja sowieso nicht bleiben … also habe ich mir gedacht, dass ich mit dir komme. Wenn es dir nichts ausmacht.“ Er blickte zu Raban hinauf, fragend und ein wenig ängstlich.
Der nickte noch einmal und lächelte:
„Einverstanden. Heute Nacht schläfst du am besten bei mir. Morgen früh, wenn es hell wird, brechen wir auf. Und jetzt lass uns den Abend genießen.
Er lehnte sich zurück, so weit, dass er den Hinterkopf an die Holzwand seiner Hütte legen konnte. Die war noch ganz sonnenwarm und roch so heimisch und vertraut … Raban seufzte, dann lachte er leise und zeigte zum Himmel:
„Hast du die Wolke da oben schon gesehen?“
So nahmen Raban und Borken Abschied von ihrem bisherigen Leben.