Am nächsten Morgen, als die Sonne über die Berggipfel kroch und ihre ersten Strahlen die Dächer des Dorfes streiften, waren Borken und Raban längst auf dem Weg.


Den beiden war, als würden ihnen die vertrauten Berge noch einmal zuwinken. Dann umrundeten sie eine Kuppe und von ferne grüßten neue, unbekannte Höhen, irgendwo dazwischen ließ sich eine Weite erahnen bis hinab zum Meer. Bis zum Horizont und weiter.

Raban wurde es ganz merkwürdig zumute. Die Fremde, das Unbekannte legte sich ihm schwer auf die Brust, er fühlte sich mulmig bei dem Gedanken an die schiere Größe der Welt. Und dann war da aber auch ein Ziehen, das wollte hinaus in die Ferne, weg aus der Enge der Täler.
Borken machte sich weiter keine Gedanken. Er genoss die milde Herbstsonne und war zufrieden damit, einen Fuß vor den anderen zu setzen, immer der Nase nach.
Gerade waren sie einen steilen Hang empor gekraxelt. Oben, dort, wo sich der Weg sanft zwischen Wiese und Fels schmiegte, hielten die beiden inne, um Atem zu schöpfen.
Raban hatte gerade den Rucksack abgesetzt – ihm war warm geworden beim Aufstieg – da spürte er etwas Feuchtes auf der Hand.
„Es fängt an, zu regnen”, sagte er und warf einen prüfenden Blick zum Himmel.
„Blödsinn”, erwiderte Borken, „der Himmel ist blau, keine einzige Wolke.”
Raban legte den Kopf in den Nacken, „aber ich habe doch gerade eben … “
Über ihnen, auf einem Felsvorsprung, saß ein gewaltiger Vogel, dessen Gefieder in der Sonne brannte wie Feuer.

Adler sind die Herrscher der Lüfte, sie sind die wildesten aller Vögel und die würdevollsten. Es gibt viele verschiedene unter ihnen, Steinadler und Fischadler, Berg- und Seeadler. Aber keiner kommt den Goldadlern gleich an Schönheit und Majestät. Wenn sich ein Goldadler in die Luft erhebt, ist es, als würde ein Sturm aus Glut entfacht. Wenn er seine Flügel spreizt, fängt sich darin das Licht in einem Meer aus goldenem Glanz.
Und noch etwas: Goldadler sind immer weiblich, es gibt unter ihnen keine Männer.
Der Vogel also, dem die beiden Reisenden auf ihrer Wanderung begegneten, war ohne Zweifel kein Adler, sondern eine Adlerin. Und eine äußerst unglückliche obendrein.
Schluchzend saß sie auf einem Felsvorsprung. Sie hielt den Kopf gesenkt, halb in den Federn versteckt, dicke goldene Tränen rannen über den Schnabel. Ihr Körper wurde von Weinkrämpfen geschüttelt, die Sonne tanzte auf zuckenden Federn. So sehr war sie in ihrem Schmerz versunken, dass sie gar nicht bemerkte, wie Raban und Borken näher gekommen waren.
„Was hast du denn?“, fragte Raban vorsichtig.
Der Kopf des Vogels fuhr hoch, die Flügel reckten sich zu mächtigen Schwingen.
Raban hob die Arme zu einer beruhigenden Geste und Borken versteckte sich schnell hinter dem Hosenbein seines Freundes. Die beiden wurden fast umgerissen vom plötzlichen Windstoß, als sich die Adlerin in die Luft erhob und über ihren Köpfen zu kreisen begann.
„Was wollt ihr von mir?“, rief sie mit wilder Stimme sie, „Ist es noch nicht genug?“
Raban hielt mit der einen Hand seine Mütze fest, mit der anderen winkte er beschwichtigend.
„Wir wollen dir nichts tun. Was ist denn los?“ rief er.
Es dauerte eine ganze Weile, bis sich die Adlerdame so weit beruhigt hatte, dass sie wieder landete und ihren Platz auf dem Felsen einnahm.

„Ach, Ach“, klagte sie, „mein Kind ist entführt worden, mein Ei! Der Geisterfuchs hat es gestohlen!“
Es war ein schrecklicher Anblick, wie dieser Vogel, der doch eigentlich die Freiheit aller Winde unter den Schwingen spüren sollte, am Boden hockte wie ein Häufchen feuchter Federn. Es schien als sei aller Lebenswille aus dem Tier gewichen: Die Adlerin schwankte wie betäubt hin und her, ihre Stimme klang schwach und tonlos, heiser vom Weinen.
„Ich musste auf die Jagd gehen“, klagte sie, „ich musste einfach: sonst wäre ich verhungert … Wenn nur sein Vater noch da wäre … Als ich zurück zum Nest kam, war mein Ei gestohlen. Einfach weg! Ach, wenn nur sein Vater da gewesen wäre. Der Geisterfuchs hätte sich niemals auch nur in unsere Nähe gewagt!“ Stockend, immer wieder geschüttelt von wilden Schluchzern, erzählte die Adlerdame nach und nach, ihre Geschichte:
Das Goldadler-Ei war gestohlen worden, während die Mutter auf Futtersuche war. Wer der Missetäter war, hatte sie von der alten Eule erfahren, die tagsüber immer wach war, weil sie Schlafstörungen hatte. Die hatte den Geisterfuchs durch die Schatten des Waldes laufen sehen, in Richtung seines Baues. Das gestohlene Ei trug er zwischen den Zähnen.
„Aber was will er denn damit?“, fragte Raban besorgt, „Ich meine, ich will dir nicht noch mehr Angst machen, aber will er es vielleicht fressen … ?“
Da lachte die Adlerin schrill auf und schüttelte den Kopf.
„Fressen kann er es nicht, dieser Schattenwicht, diese Kreatur der Dunkelheit. Das würde ihn umbringen, es würde ihm die Gedärme heraus brennen!“
Traurig blickte sie zu Boden.
„Ich fürchte“, sagte sie, „er noch Schlimmeres vor. Er will, denke ich, das Ei für sich selbst. Er wird mein Kind ausbrüten und es in einem Käfig gefangen halten. Niemals wird mein Küken den Wind unter den Flügeln spüren. Das ist das Schrecklichste, was einem Adler widerfahren kann.“

Borken war die ganze Zeit über ruhig gewesen. Jetzt nickte er versonnen. Wie zu sich selbst sagte er:
„Dann müssen wir dein Ei wohl oder übel zurück stehlen.“
Der Vogel schaute den Wurzelwicht lange an. Fast hätte man meinen können, dass um die scharfen Kanten ihres Schnabels ein wehmütiges Lächeln lag.
„Ich danke dir, kleines Wesen. Aber das kann ich nicht von dir verlangen. Du weißt nicht, auf was du dich einlässt. Der Geisterfuchs ist mächtig, fast so mächtig wie ich. Er zieht seine Kraft aus der Nacht und der Dunkelheit. Um mein Ei wieder zu finden, müsstest du allein in seinen Bau gehen. Und das ist der dunkelste Ort im ganzen Wald.“
Borken schaute ein wenig verunsichert.
„Was meinst du? Wieso muss ich allein in diesen Bau hinein?“
„Weil weder ich noch dein menschlicher Begleiter klein genug sind, um durch das Fuchsloch am Eingang zu schlüpfen. Glaubst du im Ernst, ich würde hier auf dem Felsen sitzen und klagen, wenn es eine Möglichkeit gäbe, mein Kind zu befreien? Der Fuchs ist feige und verkriecht sich in der Tiefe, wo ich ihn nicht erreichen kann!“
„Egal“, rief Borken trotzig, „Fuchs bleibt Fuchs! Das wäre ja gelacht. Raban, was meinst du?“
Der musste natürlich zustimmen. Eine Kindesentführung konnte man nicht einfach so auf sich beruhen lassen.
So ließen sich die beiden von der Adlerin den den Weg zur Höhle des Geisterfuchses beschreiben.
„Passt gut auf euch auf! Der Geisterfuchs ist durchtrieben, gefährlich und böse. Seid vorsichtig“, mahnte die Adlerin noch einmal zum Abschied. Raban nickte und die beiden Freunde wandten sich zum Gehen. Es war schon spät am Nachmittag und sie wollten den Bau des Unholds erreichen, bevor es dunkel wurde. Es waren schon Schatten genug in dieser Geschichte, da konnte ein wenig Abendsonne nicht schaden.
Die Vogeldame hielt noch einmal inne. Sie legte den Kopf schief und plötzlich war da wieder Leben in ihren Augen und Hoffnung.
„Kleines Wesen – Borken Wurzelwicht, ich sorge mich um dich. Und ich danke dir. Meine Gedanken werden mit dir sein, wenn du in das Reich meines Feindes hinunter steigst. Und ich will dir etwas mit auf den Weg geben. Du wirst es brauchen können in der Dunkelheit.“
Sie beugte den Hals und riss sich mit einer schnellen Bewegung des Schnabels eine Flaumfeder aus der Brust. Die ließ sie zu Borken hinunter schweben: Wie ein Funke aus sanftem Feuer landete sie in seinen Händen.
„Danke“, sagte Borken. „Ich hoffe, sie bringt mir Glück.“
Damit drehte er sich um und eilte Raban, der schon ein Stück weit den Weg Richtung Wald vorausgegangen war, hinterher.