So.
Nun wisst ihr also, wie der kleine Wurzelwicht in die bedrohliche Dunkelheit des Fuchsbaus gelangt war.


Und ihr könnt euch sicher auch denken, an was er sich in dieser misslichen Lage erinnerte. Oder war es die Feder selbst, die sich regte?

Auf jeden Fall zog sie Borken aus der Brusttasche, ganz behutsam. Dann hielt er die Feder ins Licht seiner Fackel, vorsichtig, um sie nicht mit der Glut zu versengen. War da nicht ein feines Leuchten, mehr, als dass es allein vom Widerschein der Flamme auf dem Goldflaum stammen konnte? Versuchsweise trat er vor einen der Gänge und hob die Feder über den Kopf. Es war keine Veränderung festzustellen. Auch nicht vor der zweiten Abzweigung. Erst als Borken im dritten Tunneleingang stand, verstärkte sich das Glühen und er meinte, einen schwachen Zug an seiner Hand zu spüren, so, als würde die Feder von einem leichten Wind in Richtung eines unbekannten Ziels getragen werden.
Das heißt, unbekannt war dieses Ziel ja nicht. Borken hoffte inständig, dass das Geschenk der Adlerin dahin strebte, wohin auch er so schnell wie möglich wollte: zum Ei. Die Fackel in der einen und die Feder in der anderen Hand, machte er sich wieder auf den Weg: immer tiefer hinein und hinab, ins Herz des Fuchsbaus.

Der Raum, in dem er sich schließlich wiederfand, war der größte, den Borken in seinem Leben gesehen hatte. Das Licht reichte nicht aus, um ihn zu erhellen, in den Ecken klebten noch Reste von staubigen Schatten.
Schwach beleuchtet konnte er in der Mitte einen riesigen Tisch erkennen mit Stühlen aus schwerem, dunklem Holz, hohen Rückenlehnen und Armstützen. Ein Kronleuchter schien darüber im Dunkel zu schweben. Kleine Flämmchen zuckten auf seinen Armen und verbreiteten ein kränklich grünes Licht, das die Schatten nur noch tiefer und bedrohlicher wirken ließ. Staubige Spinnweben hingen in dicken Fransen herunter.
Zuerst wollte der Wurzelwicht einfach weiter gehen. Dann aber bemerkte er, dass die Feder auf Höhe des Tisches hell aufleuchtete. Ging er daran vorbei, wurde der Schein wieder schwächer. Irgendwo da oben musste zu finden sein, was er suchte. Mit einem leisen Seufzer machte sich Borken an den Aufstieg. Er erklomm einen Stuhl, zog sich zur Armlehne empor und balancierte so weit nach vorne, dass er mit einem Sprung die Tischplatte erreichen konnte.
Vor ihm erhob sich eine Landschaft aus Staub. Es schien, als sei hier vor langer Zeit einmal ein Festmahl aufgedeckte worden: Karaffen standen dort, gefüllt mit Wasser und Wein, silberne Teller, auf denen kunstvoll gefaltete Servietten aus Damast drapiert waren. Im spärlichen Licht glitzerten Gläser aus Kristall. Speisen waren auf großen Platten angerichtet, im Zentrum der Tafel erhob sich eine prunkvolle Etagere mit Früchten.
Aber alles, was dort stand und lag, war alt und verdorben, begraben unter einem Überzug von filzigem Grau. Das Silber war schwarzfleckig, die Speisen trocken und tot. Der Wein stand braun und trüb im Glas wie Sumpfwasser und Borken hinterließ flusige Spuren, als er suchend auf dem Tisch hin und her lief.
Schließlich wurde er fündig: Das Ei stand aufrecht in einem Becher aus reinem Perlmutt – und war ebenfalls überzogen von einer fingerdicken Schicht Staub!
„Das kann nicht sein“, sagte sich Borken, „das Ei ist höchstens seit einem Tag hier. Da kann es doch noch nicht so eingestaubt sein!“
War das nicht merkwürdig? Dem Wurzelwicht wurde immer mulmiger zumute, so ganz allein in den Eingeweiden der Erde. Er wollte nur eines: den Bau so schnell wie möglich verlassen. Das Ei hatte gerade eben Platz in seinem Rucksack. Dort war es sicher verstaut, während sich Borken an den beschwerlichen Abstieg vom Tisch und auf den Weg zum Ausgang machte.

Zur selben Zeit stand Raban draußen auf der Lichtung und hatte sich vor Nervosität schon fast die Fingerspitzen abgekaut.
Es war schrecklich! Hier zu warten und nicht zu wissen, was in diesem düsteren Loch mit seinem Freund geschah. Außerdem war ihm eingefallen, dass er keinerlei Möglichkeit hatte, Borken zu warnen, falls der Geisterfuchs wieder auftauchen sollte. Er konnte ja schlecht in den Bau hineinrufen oder gar pfeifen. Das hätte der Fuchs viel eher als der Wurzelwicht gehört.
Also trat Raban unruhig von einem Bein auf das andere und kam sich unnütz und hilflos vor. Die Sonne war endgültig verschwunden, nachtschwarz wölbte sich der Himmel über der Lichtung.
„Zumindest hat sich diese komische Kälte gelegt“, murmelte Raban und rieb sich die Augen. Er lauschte auf die Geräusche der Nacht. Knackte da nicht etwas? Was war das für ein Schrei? Sicher nur ein Käuzchen.

In diesem Moment überrollte Raban eine solch übermächtige Woge von eisiger Furcht, dass er fast besinnungslos wurde. Nur ein Gedanke war es, der ihm im Kopf herum raste, ein einziger Satz: „Er kommt!“
Ein, zwei Schritte in Richtung Waldrand hatte er schon gemacht, als ihm Borken wieder einfiel. Seine Beine wollten ihm kaum gehorchen – sie wollten fort, nur fort! – aber er zwang sie, still zu stehen, drehte sich, Stück für Stück. Wie er zitterte, wie ihm trotz der Kälte bitterer Schweiß in die Augen lief … war es eine Ewigkeit oder nur ein Wimpernschlag? Ein Schritt, ein zweiter … und Raban stand wieder vor dem gähnenden Maul des Fuchsbaus, ließ sich auf die Knie nieder und flüsterte so laut wie möglich: „Borken, wo bist du?“
Fast hätte er laut aufgejubelt, als es ihm aus dem Loch heraus antwortete: „Ich bin gleich da. Komm, nimm mir den Rucksack ab, meine Arme sind eingeschlafen.“
Einen Moment später sah Raban den Kopf seines Freundes aus dem Dunkel auftauchen. Ohne ihn zu Wort kommen zu lassen, packte er den Wurzelwicht um die Hüften, hob ihn mitsamt dem Rucksack hoch und rannte. Borken wollte schon den Mund öffnen, um zu protestieren, da fühlte auch er die Kälte nach sich greifen: Der Geisterfuchs war wieder da und mit ihm kam die Angst.
Borken machte sich ganz klein in Rabans Armen. „Nur weg“, dachten sie beide, „nur weg von hier!“

Raban rannte, wie er noch nie in seinem Leben gerannt war. Er sprang von Wurzel zu Wurzel, glitt aus auf feuchten Steinen, geriet ins Straucheln, fing sich wieder. Äste peitschten ihm ins Gesicht, Dornen rissen blutige Furchen in Arme und Hände. Raban rannte und rannte, bis ihm die Seiten weh taten und die Lungen brannten.
Nach und nach verebbte das Gefühl der Furcht. Je weiter sie sich von der Lichtung des Geisterfuchses entfernten, desto leichter wurde es ihnen zumute. Es war, als würde ein schrecklicher Druck nachlassen, der auf ihrem Nacken gelegen hatte.
Wie groß war die Erleichterung, als sie zwischen den Bäumen ein wenig Helligkeit durchschimmern sahen! Am Waldrand wartete die Adlerin auf sie: Das goldene Gefieder des Vogels glühte im Licht des Mondes in einem sanften Schimmer, der gut tat nach all der bleichen Düsternis.

Raban sank erschöpft zur Erde, japsend rang er um Atem. Die Adlerin wartete, ohne eine Regung zu zeigen, nur das Leuchten ihrer schwefelgelben Augen verriet die Aufmerksamkeit, mit der sie die Ankunft unserer Helden verfolgte. Ächzend kletterte Borken von seinem Freund hinunter, der noch immer rücklings auf dem Boden lag und nach Luft schnappte. Auf unsicheren Beinen stolperte er vorwärts und schaute mit klopfendem Herzen zur Adlerin auf – ein kleiner, dunkler Schatten vor ihrer strahlenden Schönheit. Der Wurzelwicht stellte den Rucksack ab, schnürte ihn auf und hob behutsam das Ei heraus. Er legte es ins Gras und trat ein paar Schritte zurück.
Lange Zeit bewegte sich der Vogel nicht.

Kein Laut war zu hören, kein Lüftchen regte sich.
Es war, als hielte die Nacht ihren Atem an.
Dann hörte Borken die Adlerin flüstern. Ganz sanft, ganz leise. Wie Mondlicht.
„Mein Kind.“
Sie legte den Kopf in den Nacken und riss den Schnabel auf zu einem Schrei, der vom Himmel widerhallte wie der Klang einer Glocke. Die Adlerin schluchzte auf und wieder rannen Tränen – Tränen der Freude.
Mit einem Sprung war sie bei ihrem Ei und barg es unter den Flügeln.

„Ihr beiden“, wandte sie sich an Raban und Borken – lange Zeit später, als ihre Tränen verebbt waren und unsere Freunde schon längst wieder ruhig atmen konnten – „ihr beiden habt mir den größten Dienst erwiesen. Seid meiner Dankbarkeit gewiss. Ihr habt dem Geisterfuchs getrotzt. Das ist mehr, als jemals ein Wesen der Erde für ein Wesen der Luft getan hat. Das ist mehr, als ihr verstehen könnt. Heute Nacht sollt ihr ruhen. Schlaft jetzt. Ich werde eure Träume behüten.“

Bei diesen Worten wurde Raban bewusst, wie erschöpft er war. Wo ihm vorher die kalte Angst in den Knochen gehockt hatte, stieg nun, unter dem ruhigen Blick der Adleraugen, eine Müdigkeit empor, die ihn einhüllte wie eine warme Decke und ihm die Glieder schwer machte wie Blei.
Der Glanz von goldenen Federn vor dem Dunkel des Nachthimmels war das letzte, was Raban sah. Damit versank er in tiefen Schlaf.
Nur einmal wälzte er sich unruhig zur Seite und murmelte etwas Unverständliches. Gequält runzelte er die Stirn.

Das war, als vom Wald her ein Geräusch herüber wehte wie wütendes Gelächter, ein hohles Bellen voll Zorn und Einsamkeit.