Sie wartet wie immer und wie immer presst sie die Hände flach auf den Küchentisch und dann klopft es an der Wohnungstür.
„Ist offen!“, ruft sie. Die Stimme ritzt eine feine Kerbe in die Luft und lässt ihr die Spinnwebhaare aufwehen um die Schläfen.

Als Abner Rabe das Haus betritt, ergießt sich eine Woge von Sonnenlicht über die Schwelle. Sie tränkt die Dielen des Flurs und schlägt kleine Wellen um seinen Schatten.
„Sind sie der Kammerjäger?“ Die Alte stößt sich von der Tischplatte ab und Abner wartet, bis sie die lange Reise über die schwarzweiß karierten Fliesen zur Küchentür hinter sich gebracht hat. Ein Schritt, eine Fliese. Schwarz. Ein Schritt, eine Fliese. Weiß. An der Tür angekommen, stützt sie sich in den Rahmen, ihre Hand ist von dicken Adern durchzogen, blau und grün.
„Problemlöser.“ Abner nickt ihr zu und setzt seinen Koffer ab. „Ich bin Problemlöser, kein Kammerjäger. Aber ihr Pilzproblem interessiert mich.“
„Was auch immer.“ Mit einer Handbewegung deutet die Alte ihren Gast den Flur hinunter. Es ist dunkel, das Licht vom Eingang reicht nicht weit und Abner muss vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzen, noch sind seine Augen an die Helligkeit der Mittagssonne gewöhnt. Er tastet mit den Schuhspitzen nach Falten im Läufer, nach Telefontischen und Schirmständern.
Hinter ihm schlurft die Alte zur Haustür und schließt sie. Die Lichtbahn zuckt zurück. Hinterlässt das schattengrüne Nachbild eines vergangenen Sommers. In der Luft hängt der Geruch von Kaffee, Kohl und Feuchtigkeit.
„Ich habe uns etwas zu Trinken gemacht. Sie nehmen doch eine Tasse?“
„Eigentlich wollte ich nicht …“
Aber da ist schon das Wohnzimmer – „Jetzt links, bitte!“ – die Alte steuert Abner zum Sofa. Wie ist sie so schnell durch den düsteren Flur gekommen? Er lässt sich in die Kissen schieben und empfängt eine Tasse aus knochenweißem Porzellan. Die Rosen des Dekors sind schon lange verblichen, man kann sie nur noch als raue Schemen auf der Oberfläche ertasten.
„Selbst gebacken?“, fragt Abner und versucht, seinen Keks mit einem großen Schluck Kaffee hinunter zu spülen.
Die Alte antwortet nicht. Sie sitzt am Kopfende des Couchtischchens in einem Ohrensessel. Die Hände hat sie im Schoß verschränkt, unverwandt blickt sie zu Abner hinüber. In ihrer Tasse schwimmen Staubflusen.

Auf der Kellertreppe ist es noch dunkler als im Flur. Unten blinzelt eine einsame Glühbirne, die nackt von der Decke hängt. Aber in die Ecken reicht ihr Licht nicht, dort hockt die Dunkelheit, zusammengekauert, die Augen zur Wand gerichtet. In den Regalen stehen die Erinnerungen eines langen Lebens aufgereiht, fein säuberlich abgefüllt in Einmachgläsern: Mirabellen, Essiggurken, dazwischen alte Senfgläser voller Marmelade. Der Helm und die Uniform ihres verstorbenen Ehemannes, die Götter haben ihn selig. Daran glaubt sie. Unten, rechts an der Wand noch immer der Haufen von Mörtelbrocken und Putz, dort, wo der Installateur im Winter das Mauerwerk aufbrechen musste, um an die Leitungen zu kommen.
Die alte Frau friert. Sie hat die Arme um den Oberkörper geschlungen und den Kopf eingeduckt, gerade so, als wolle sie sich in sich selbst verkriechen. Ein Wollschal, um die dürren Schultern gelegt: Darin hält sie ihre Hände versteckt. An der Rückwand des Kellers, gerade über den Zwiebeln und den Kartoffelsäcken, lebt der Schimmelpilz.
„Sie halten noch richtig Vorrat? Sieht man ja nicht mehr so häufig. Frisches Zeug …  schwer zu kriegen.“
„Das bekommt sie von einem alten Liebhaber.“ Worte stäuben auf in Sporenwolken und verhauchen unter der Kellerdecke. „Hat einen U-Hof im Hafenbecken.“
„Ah“, sagt Abner, „ ah.“ Er legt den Kopf in den Nacken und kneift die Augen zusammen. „Mein Name ist Abner Rabe, freier Problemlöser, Versorgerbezirk, Hafen 3. Mit wem habe ich die Ehre?“
Ein Schaudern läuft über den Schimmelrasen an der Wand, er zittert samtig und wieder wallen Sporenworte auf.
„Angenehm. Sehr höflich. Höflichkeit ist wichtig, denke ich. Gerade am Anfang. Ich beziehe mich auf meine Person als Aspergillus Niger Sapiens. Den letzten Namen habe ich mir selbst gegeben. Asper scheint mir als Kurzform angebracht.“
„Asper also.“ Abner sieht zu der alten Frau hinüber. Sie ist zurück gewichen bis an den Fuß der Treppe, das Licht der nackten Glühbirne gräbt tiefe Furchen in ihre Wangen. Von ihren Augen ist nichts zu sehen, nur dunkle Höhlen in einem zerklüfteten, alten Gesicht.
„Abner Rabe“, sagt der Schimmelpilz, „ich werde mit dir kommen. Und hör auf, Blödsinn zu reden.“
„Gut“, nickt Rabe, „dann wäre das ja geklärt“ und hinter ihm nickt die Alte ebenfalls, ein Spiegelbild in den Schatten.