Ein paar Tage vergehen. Sie verfliegen im Sommerwind, die Stadt liegt in einem trägen Schlummer und über dem Meer steht ein Schleier von Dunst. Der kleine Teufelsrochen ist in den Hafen gekommen. Er lässt sich von den Putzmannschaften die Parasiten aus den Hautfalten kehren.
An Abner Rabes Bürotür ist eine Plakette aus Messing angebracht. Von innen ist sie nur als ein schwarzes Rechteck vor dem Milchglas zu erkennen. Von außen steht darauf geschrieben: ‚Abner Rabe, Probleme aller Art’ und darüber ist ein geflügeltes Auge abgebildet, ein Vogelauge, ohne Pupille.

„Das soll natürlich nicht heißen, dass ich Probleme mache!“, erklärt Abner immer, wenn sich ein Kunde zu ihm verirrt, „Oder dass ich in Problemen aller Art stecke. Wobei das nicht ganz falsch ist. Aber es ist mir zu spät aufgefallen, das Schild war schon fertig.“
Die Meisten lächeln dann, angestrengt oder ein wenig mitleidig. Manche machen auf dem Absatz kehrt und verschwinden wieder, gehen die Treppe hinunter auf die Straße und lösen sich auf im Getümmel der Menschen, so, als hätte es sie nie gegeben. Als wäre ihr Gesicht für einen Augenblick aufgetaucht aus dem Meer der Masse, einen Wimpernschlag lang, um dann wieder zu versinken in der Gesichtslosigkeit.
Wenn sie bleiben – Und es gibt wirklich welche, die bleiben! – wenn sie bleiben, dann treten sie zögerlich in den Raum, vielleicht werfen sie einen Blick aus dem Fenster, hinüber zu der ewigen Baustelle im Westquartier. Dort steht eine Familie von Lastkränen, schwarze Silhouetten am Horizont. Sie winken majestätisch in die Runde und der kleinste von ihnen baut eine Sandburg, die bis in den Himmel reicht.
Wenn sich ein Kunde von Abner Rabe bis zum Schreibtisch vorgewagt hat, findet er dort einen Ledersessel, in den er sich schwer hineinfallen lässt. Denn das haben sie alle gemeinsam: Sie tragen ein schweres Gewicht mit sich herum, einen Alp, der sich nachts auf ihre Brustkörbe setzt und ihnen böse Träume einflüstert. Man kann es hören, wenn sie sich setzen: wie sie sich der Tiefe des Sessels überantworten, wie sie sich fallen lassen. Wie ihnen unwillkürlich ein Seufzer entfährt.
Dann sitzen sie da, der Sessel ist eigentlich ein wenig zu niedrig und sie haben den Eindruck, mit der Nase gegen die Schreibtischkante zu stoßen. Also verstecken sie sich hinter ihren Aktenkoffern, hinter ihren Damenhandtäschchen, hinter Brillen und geschminkten Wimpern. Aber das Geheimnis muss ausgesprochen werden, deshalb sind sie ja hier und es wäre eine unverzeihliche Niederlage, jetzt wieder zu gehen.

Sie alle kommen, geduckt unter der Last ihrer Sorgen, weil ihnen kein Ausweg mehr bleibt, denn Abner Rabes Büro finden nur diejenigen, die alles andere versucht haben, diejenigen, die weder die schäbige Umgebung noch die horrenden Honorarforderung schrecken.
Kommen keine Klienten, gibt Abner Annoncen auf, liest die Stellenangebote im Versorgernetz und sucht nach entlaufenen Hunden.

„Ja, ein weißer Pudel, unmodifiziert. Habe ich. Ja, natürlich weiß ich das, ich kenne mich mit Hunden aus. Sie können ganz beruhigt sein. Kein Chip, nehme ich an …? Natürlich.“ Abner seufzt. Sein Bildschirm ist schwarz, nur die Anzeigen am unteren Rand blinken. Die Anruferin hat auf Anonymität bestanden. Sie ruft über einen öffentlichen Account an und Abner hätte es vielleicht eine halbe Stunde gekostet, ihren vollen Namen, ihre Privatadresse und den Stand ihrer Konten herauszufinden. Aber es kann so oder so nicht viele Menschen geben, die sich einen Originalpudel leisten können, Abner kann sicher sein, im Lauf seiner Ermittlungen automatisch über den richtigen Namen zu stolpern. Und sie muss reich sein, sehr reich oder zumindest muss sie jemanden vertreten, der über Geld im Überfluss verfügt. Das hat wiederum den Vorteil, dass Abners Honorar im Erfolgsfall ausreichen wird, um ihm wieder ein paar sorgenfreie Monate zu ermöglichen, in denen er diejenigen Aufträge annehmen kann, die ihn wirklich interessieren. Wenn man schon nach Haustieren suchen muss, dann wenigstens nach solchen, die ordentlich Gewinn bringen. Letztendlich sind diese unmodifizierten Schoßhündchen auch leichter zu finden als andere, weil sie fressen und scheißen müssen und weil ihnen ständig die Haare ausgehen.
„Sie haben wahrscheinlich schon eine Belohnung ausgesetzt, nicht wahr? Über eine Chiffrenanzeige? In welchem Netz? Wann? Ich verstehe. Keine Forderungen, Lösegeld? Sind sie sicher? Keine Verwandten, die merkwürdige Andeutungen machen? Sie würden sich wundern … Nein, natürlich will ich ihre Familie nicht …“
Geldadel. Mit der Einführung der Nobilitätskategorien haben sich in ein paar Jahrzehnten Familien herausgebildet, deren Selbstverständnis und Standesdünkel scheinbar zurückreichen bis zum Anbeginn der Zeit. Abner verdreht die Augen, seine rechte Hand spielt mit einem blankpolierten Kieselstein, dreht ihn an wie einen Kreisel und lässt ihn auf der Tischplatte tanzen.
„Melden sie sich am besten in einer Woche bei mir. Oder richten sie ein Chiffrenkonto im Versorgernetz ein, auf dem ich sie erreichen kann. Ich denke, dass ich bald gute Nachrichten für sie habe.“
Das grüne Symbol am Kommschirm erlischt. Abner nimmt den Ohrhörer ab und lehnt sich in seinem Sessel zurück.
„Asper“, sagt er und schaut hinüber zu der Plastikdose, in der der Schimmelpilz ein Käse-Tomaten-Sandwich besiedelt hat, „Hast du zugehört?“
„Natürlich, ich kann mir ja schlecht die Ohren zuhalten.“
„Sehr lustig. Sowieso erstaunlich, dass du überhaupt hören kannst.“
Schlieren von Sporen tanzen einen Lichtbalken entlang, den die Sonne durch das Fenster schiebt. Worte wolken auf in leisem Gelächter und driften gemächlich auf Abner zu.
„Typisch Mensch. Bloß weil eure Fleischlappen halbwegs gut funktionieren, heißt das noch lange nicht, dass es keine anderen Möglichkeiten gibt.“
„Wahrscheinlich hast du recht.“