[Tatortprotokoll, Ersterfassung; FSE Mara (T), XX:XX:7:69, Jahr der Ratte (Spracherkennung zu Standardprot. 2.2.4, keine Unterschrift erforderlich)]

Allgemeine Tatortbeschreibung
(Grundsituation nach Prot. 2.1., geo-/ soziographische Gegebenheiten, erste Eindrücke)
FSE Mara (T): „Es handelt sich beim Tatort um das Gebäude Stahlhaustraße 54 bis 58, Fabrikruine, offensichtlich seit längerer Zeit verlassen. Schwerindustrie, irgendwas mit Schiffsmotoren. Das Firmenschild über dem Haupteingang ist kaum mehr zu erkennen, ‚Shirokute’ oder so ähnlich. Abfrage im Handelsregister Hafen 2. Abfrage Versorgeradministration, obwohl es fast so aussieht, als wäre das Gebäude verlassen worden, bevor das Versorgernetz ausgedehnt wurde. Weiter: Wir befinden uns in einem heruntergekommen Viertel. Keine Ahnung, was die ganzen Leute hier wollten. Die meisten sehen nicht so aus, als würden sie hier öfter herkommen.
[Unverständlicher Fremdkommentar]
Keine blöden Witze. Ist alles schon schlimm genug. Außerdem: Wenn wir wissen, was sie hier gesucht haben, wissen wir vielleicht auch, was sie umgebracht hat. Ganz einfach, Watson.
Weiter: Das Gebäude macht strukturell noch einen recht sicheren Eindruck, sämtliche Fensterscheiben fehlen natürlich, etliche Dachplatten sind nach unten abgerutscht. Die Straße vor dem Gebäude ist teilweise mit Schutt bedeckt, das ist aber nichts Ungewöhnliches hier. Keine funktionierende Infrastruktur in der Gegend, keine Läden oder Wohnhäuser. Eine regelrechte Geisterstadt.
Wir gehen hinein. Ein Rolltor, das auf halber Höhe feststeckt. Das Innere des Gebäudes besteht hauptsächlich aus einer großen Fabrikationshalle, im hinteren Teil – westliches Ende – schließt sich ein Bürokomplex an. Das Licht, das durch die Fensteröffnungen herein scheint, reicht gerade aus, um bis ans Ende der Halle zu sehen.
He, Jonas? Sorge dafür, dass die Spurensicherung eine eigene Lichtanlage mitbringt. Die große. Wir müssen hier alles ausleuchten, in Ordnung? Schau nach, ob noch Energie auf den Leitungen liegt.
Nächster Punkt.

Tatortbeschreibung
(Fundort, Ersteindruck Tathergang, Leiche/n)
Ungefähr 300 Tote. Sie liegen auf dem Boden, in der ganzen Halle verteilt.
[Unverständlicher Fremdkommentar]
Danke. Genau 324 Tote. Auf den ersten Blick scheint es sich überwiegend um Menschen mittleren Alters zu handeln, keine offensichtlichen Mutationen, der Kleidung nach eher gut situierte Mittelklasse. Keine Kinder. Ein paar Ältere, 80 oder 90 Jahre. Anmerkung: Es handelt sich hier um eine erste Bestandsaufnahme, bei der Menge der Leichen sind genauere Aussagen unmöglich. Zunächst ist keine eindeutige Todesursache feststellbar, zumindest nicht in meiner unmittelbaren Umgebung hier am Eingang.
Jonas! Wir brauchen das komplette Medteam und eine Einheit vom Seuchenschutzverein.
Weiter: Neben mir liegt ein toter Mann, Alter Mitte Vierzig, etwa einen Meter achtzig groß, korpulent. Er liegt auf dem Rücken, keine äußeren Verletzungen. Sein Gesichtsausdruck … Er wirkt nicht so, als habe er zum Zeitpunkt seines Todes Schmerzen oder Angst gehabt. Sein Mund? Er hat einen fast glücklichen Ausdruck und sieht irgendwie erstaunt aus. Oder überrascht? Eher wie ein kleines Kind. Die Frau, die neben ihm liegt genauso. Außerdem haben sie sich an den Händen gehalten, als sie starben. Die beiden daneben auch! Moment … fast alle halten sich an den Händen.
[Pause]
Offensichtlich handelte es sich hier um eine Art Versammlung, vermutlich religiöser Art. Fast alle Beteiligten hielten sich im Sterben an den Händen, zum Teil liegen sie nebeneinander wie eine Reihe umgekippter Dominosteine – ein gespenstisches Bild.
Anmerkung zur Vorgehensweise: Prüfen, welche Sekten und eingetragenen Religionsgemeinschaften in der letzten Zeit Massenselbstmord oder Massentötungen im Programm haben. Gegebenenfalls Amtshilfe bei der Spirituellen Liga beantragen.
Jonas! Hör zu: Wenn die Leute von der Spurensicherung da sind, sollen sie sich als Erstes den Platz da hinten ansehen, da an der Rückwand. Sie sollen schauen, ob dort eine Bühne stand, wahrscheinlich gab es auch ein Tonsystem, Mikros, Lautsprecher, vielleicht einen Generator. Und sucht nach Wachsspuren und Räucherzeug, Duftstoffen in der Luft … Ja, Weihrauch oder so. Gentraces können wir bei der Menge an Menschen vergessen. Aber ich will wissen, was das hier für eine Veranstaltung war!
[Unverständlicher Fremdkommentar]
Welche Aufzeichnung? Oh, [unverständlicher Ausdruck].
[Ende der Aufzeichnung]

[PDiary Mara (T) Salix, XX:XX:1:48, Jahr der Ratte]
… werde ich in der nächsten Zeit versuchen, mein Tagebuch ein bisschen regelmäßiger zu führen. Die offiziellen Aufzeichnungen sind schön und gut, aber manchmal muss man einfach auch ins Blaue denken, um weiter zu kommen. Ich meine, gerade bei diesem Massenmord heute: alles so komisch, so … anders. Mir ist sowieso das eine oder andere rausgerutscht, was in einem Protokoll nach Standard nichts zu suchen hat, eigentlich sollte man sich bei so etwas erst einmal in eine stille Ecke setzen und die Eindrücke auf sich wirken lassen. Einfach schauen, was kommt. Es hilft mir beim Denken, wenn ich meine Gedanken fließen lasse und sie gleichzeitig festhalte.
Weiter: Komischer Tag heute. Wunderschönes Wetter heute morgen, ich habe mein neues Büro bezogen – größer als das letzte und endlich Platz für mich allein. Es hat ein Fenster, aus dem man bis zum Hafen sehen kann. Ich bin erst mal ein paar Minuten da gestanden. Hab nur raus geschaut. Vielleicht wollte ich deshalb auch wieder damit anfangen, Tagebuch zu führen, weil heute etwas Neues angefangen hat. Eigentlich aufregend. Eigenes Büro und viel mehr Verantwortung. Gut so. SE Günsel hat mich sowieso schon lange genervt. Obwohl ich das eigentlich nicht sagen sollte, aber er ist so einer, der sich die Vorschriften hinbiegt, wie es ihm gerade passt und dann dieses Geschleime mit den Kollegen! Wenn jemand Geburtstag feiert, ist er sofort dabei, aber wenn ein Bericht fertiggemacht werden muss … Ein Weichei wie gemalt. Dürfte jetzt vorbei sein. Er ist zwar nominell immer noch mein Abteilungsleiter, aber ich habe weitreichende Handlungsbefugnis. Tut gut, das zu sagen: weitreichende Handlungsbefugnis! Hat lange genug gedauert.
Weiter: Den Tag über ist nicht viel passiert, Routineangelegenheiten, ein bisschen Aufregung wegen der Internen, aber ich habe gleich morgens gesagt, dass ich mich heute raus halte, wegen dem Umzug und weil ich mich erst einmal einrichten will. Aber gegen 17:00 Uhr kam eine Meldung rein und Günsel musste sie natürlich mir geben – „Jetzt wird es ernst, Mädchen, hoho!“ hat er gesagt und natürlich geglaubt, er würgt mir eins rein. Aber eigentlich hat er mir ja einen Gefallen getan: Ich WILL arbeiten und raus auf die Straße! Jedenfalls war es dann ein Riesending und ich muss schon sagen: Auf so etwas bereitet einen nichts und niemand vor. Kein Lehrvid, kein Seminar, keine Schulung. Es waren über 300 Leichen, fein säuberlich nebeneinander auf dem Boden und alle mit einem zufriedenen Grinsen im Gesicht. Als wären sie alle beim kollektiven Orgasmus gestorben. Und sonst: Nichts! Jedenfalls bis 2:00 Uhr früh, da bin ich dann nach Hause. Sowieso schon ziemlich knapp. Ich darf mich nicht dazu verleiten lassen, vor lauter Arbeiten zu nah an die Schlafphasen ran zu kommen. Rorn (T) aus der Drogenfahndung haben sie mit unheilbaren Hirntraumata in die Geschlossene gesteckt, weil der Idiot sich als Maulwurf betätigt hat und aufgeflogen ist. Die haben ihn eine Nacht lang wach gehalten und morgens um fünf ist dann seine Verbindung gefatzt. Also, Mara, denk dran: Nichts ist wichtiger als dein Schlaf. Nichts ist wichtiger als dein Schlaf.
Weiter: Ich muss mir dieses ‚Weiter’ abgewöhnen. Es nervt sicher, wenn ich mir das Tagebuch später einmal anhöre und mir immer wieder selber sage, dass es weitergeht. Hab ich mir bei den Protokollen angewöhnt. Da passt es ja auch irgendwie.
Na ja, zurück zum Fall: Als ich ging, hatte die Spurensicherung jedenfalls noch nichts gefunden. Nichts! Ich meine, natürlich waren da Gentraces, von den Leichen selbst und noch viele andere, aus Kleidungsstücken und Schuhen und was weiß ich. Aber sonst nichts! Keine ungewöhnlichen Spuren, keine Anzeichen dafür, was da für eine Veranstaltung stattgefunden hat. Nicht einmal Energie wurde gezapft, das haben wir als Erstes geprüft. Wir haben sogar einen Meta von der SL angefordert. Dem wurde zwar übel bei der Tatortbegehung, aber das ist kein Wunder bei so vielen Toten und sonst hat er auch nichts gespürt. Alles in allem so wenig, dass es schlichtweg nicht sein kann. Sieht alles so aus, als hätten 324 Menschen urplötzlich beschlossen, zusammen in ein heruntergekommenes Viertel zu pilgern, um sich dort an den Händen zu halten und anschließend vor lauter Freude darüber tot umzufallen. Wir müssen abwarten, was die Routineermittlungen bringen. Vom Medteam gibt es auch noch nichts neues, die scheinen ziemlich ratlos zu sein. Jonas und sein Team überprüfen die Toten, einige sind schon identifiziert. Das dürfte so knapp die Hälfte sein. Erstaunlich viele hatten kein ID dabei, manche nicht mal Prepaidcred. Ich strecke ein bisschen die Fühler aus und suche nach vergleichbaren Fällen, vielleicht auffällige Kulte, neue Drogen – mal sehen, was ich finde. Erinnert mich an meine Prüfungsarbeit zur SE: Als vor Jahrzehnten die ersten loogas auftraten, wusste auch keiner, was das sein sollte. Könnte sowieso interessant sein, da mal einen Blick zu riskieren, schon allein wegen der Vorgehensweise damals. Wenn die Geschichte von heute Abend was Ähnliches darstellt, ist auf jeden Fall die Hölle los. Morgen hole ich mir die entsprechenden Archive.

[Voicebox@Vmemo, Jonas – Mara (T, XX:XX:2:18, Jahr der Ratte]
Hallo Mara, guten Morgen. Ich wollte, dass du es gleich erfährst: Wir haben eine der Leichen, Nummer 254, männlich, mit einer anhängigen Suchanweisung [Link] in Verbindung gebracht. Müsste der Typ sein, seine Frau hat ihn vorgestern vermisst gemeldet. Da war er seit vier Tagen verschwunden. Wir haben sein Foto aus der Kartei und die Frau hat uns noch ein ganz aktuelles gegeben, Irrtum ist praktisch ausgeschlossen. Sie hat außerdem ausgesagt, dass ihr Mann in der letzten Zeit komische neue Bekannte hatte, vielleicht ist da was dran.
Die traurige Nachricht habe ich ihr natürlich noch nicht mitgeteilt, so mitten in der Nacht. Kannst du das machen? Ich muss jetzt endlich ins Bett.