Im Hafenbecken steht träges Wasser. Umgeben von angeschwemmten Schilfresten und Müllfetzen dümpelt ein blauer Plastikkanister in einer Ecke der Kaimauer. Ölschlieren malen schwankende Regenbögen. Weiter draußen, im Tiefkanal, wälzt sich der kleine Teufelsrochen gemächlich hin und her. Unter die Schwärme von Wach- und Infodrohnen, die im matten Sommerwind kreisen, haben sich ein paar Möwen gemischt.
Hier, im Freizeithafen, ankern die kleinen Jachten, die Segelboote und die letzten Fischkutter. Ein Schild am Drahtverhau, das den Zugang für Liegeplatzbesitzer vom öffentlichen Bereich abtrennt, verkündet, dass zurzeit keine Hafenrundfahrten stattfinden, weil die Sicherheit der Passagiere nicht gewährleistet werden kann. Das Schild hängt schief, eine Klammer ist durchgerostet und die Signatur des Hafenmeisters trägt das Datum eines längst vergangenen Tages. Auf der anderen Seite der Industrieanlagen sieht man den eigentlichen Jachthafen glitzern wie eine Fata Morgana aus Weiß und Gold. Dort haben die wirklich Reichen ihre Boote, diejenigen, die nicht einmal für Geld einen Fuß in diese öde Gegend setzen würden. Und sie würden für Geld eigentlich alles tun, die Reichen, die Schönen, die Reinen. Nur nicht ins wirkliche Leben hinabsteigen. Das nicht.
Rudi der Rüde hat eine alte Aktentasche neben sich auf die Bank gestellt. Er holt gerade eine Thermoskanne daraus hervor und ein Päckchen, das in helles Papier eingeschlagen ist.
„Morgen, Rüde!“, sagt Abner. Er stützt seine Hände von hinten auf die Lehne der Sitzbank.
„Tag, Abner. Wieder unterwegs?“
„Ganz genau, Alter. Ganz genau.“ Abner trägt einen Trenchcoat und eine Strickmütze, die eng am Kopf anliegt. Er redet heiser, langsam. Darüber hinaus hat er die Augenbrauen finster zusammengezogen und versucht, sich ein stählernes Blitzen in die Augen zu zwingen.
Rudi der Rüde macht sich nicht einmal die Mühe, den Kopf zu wenden.
„Wieder mal ein Hund?“
Einen Moment lang lässt Abner seinen Blick über das Wasser schweifen. Dabei entspannt sich seine Stirn, die Augen werden weiter, heller. Der Rochen singt wieder, er kann die leisen Vibrationen durch die Schuhsohlen spüren. Unter Wasser hallen die Töne wie Orgelklang, sie ziehen an der Seele, dass es schmerzt. Abner reibt sich das Gesicht und zieht die Nase hoch.
Er beugt sich zu Rudi hinunter und knurrt ihm ins Ohr:
„Ein weißer Pudel, hundert Prozent. Absolut original. Was sagt dir das?“
Der Rüde schnaubt amüsiert durch die Nase. Er beginnt, das Päckchen, das er bis jetzt im Schoß gehalten hat, auseinander zu nesteln. Es raschelt, die inneren Lagen des Papiers sind mit Fett verschmiert. Ein Plastiksäckchen mit blauem Pulver kommt zum Vorschein, ein kleines Häufchen abgenagter Hühnerknochen. Einer davon rutscht zu Boden, der Rüde bückt sich ächzend: „Scheiße“.
Nachdem er den Knochen kurz ans Licht gehalten und einen prüfenden Blick darauf geworfen hat, steckt er ihn in den Mund und zerbeißt genüsslich einen Gelenkknorpel.
„Soll man ja eigentlich nicht essen“, erklärt er und nimmt sich den nächsten Knochen, „Wegen den Splittern. Schmeckt aber.“
Abner wartet, bis das Fresspaket leer ist. Er schaut dem Meer zu, wie es im Hafenbecken eingesperrt daliegt und von sich selbst träumt. Die Wasseroberfläche ist ganz ruhig, der Silberspiegel ungebrochen und dennoch leben und sterben dort unten Hunderttausende, genau so wie die Menschen an Land, nur ihr Himmel ist dunkler und aus Panzerglas. Aber das Meer bleibt das Meer. Die Sonne senkt sich allmählich über dem Horizont und färbt die Rauchfahnen der Fabriken rot. Ein paar Wolken ziehen über den Himmel in Richtung Weltende. Die Möwen streiten sich um einen toten Fisch.
„Ein weißer Pudel also.“ Rudi der Rüde wischt sich mit dem Handrücken über die Lippen. „Weißt du, was mir das sagt? Dass die Marquise Phalaenopsis in großen Schwierigkeiten ist. Wenn sie ihren Schnuffi tatsächlich nicht wiederfindet, bekommt sie vom Züchterverband eine Klage an den Hals, von der sie sich nicht so schnell wieder erholt. Selbst bei ihrem ganzen Geld nicht. Wenn sie sie nicht gleich umbringen.“ Rudi hat das Säckchen mit dem Pulver in der Hand. Während er redet, fuchtelt er damit herum und eine Staubfahne rieselt heraus, verteilt sich als blassblaue Wolke in der Luft. Plötzlich riecht es nach Anis und brennendem Gummi.
„Was ist das für ein Zeug? Hundegewürz?“
„Geht dich einen Scheiß an“, knurrt der Rüde. „Lass mich zufrieden. Helfen kann ich dir sowieso nicht. Würde ich auch nicht, selbst wenn ich könnte. Mit dem Verband lege ich mich nicht an.“
„Ich will ja nur was über diesen Pudel wissen.“ Jetzt umrundet Abner die Bank, er stellt sich vor Rudi hin und schaut ihm in die Augen. „Du weißt, dass ich gut zahle.“
„Das ist nicht das Problem. Wenn so ein Vieh irgendwo auftaucht, weiß es sowieso gleich jeder. Du auch. Einen Unmodifizierten kann man nicht verkaufen. Solltest du eigentlich wissen. Der Züchterverband hat seinen Daumen auf jedem einzelnen Tier und er macht die Halter persönlich für jedes Vieh verantwortlich. Da gibt es keinen Schwarzmarkt. Bei Katzen ist das was anderes. Oder Koi. Vergiss es. Den Pudel hat irgendein Perverser gefressen.“
„Gefressen?“ Eine Möwe landet in der Nähe, sie legt den Kopf schief und starrt mit einem schwefelgelben Auge zu Abner hinüber. Vielleicht will sie auch nur die Reste des Fresspakets untersuchen. Mit gespreizten Flügeln hüpft sie näher, ihr Schnabel steht offen, so, als würde sie gähnen. Oder lachen, ganz stumm. Das Lachen einer Möwe ist wie ein Schrei ist wie ein Lachen. Das Papier, in dem Rudi der Rüde seine Knochen eingewickelt hatte, liegt zerknüllt am Boden, eine weiße Rose auf dem grauen Beton der Mole.
„Ja, gefressen. Es gibt immer wieder welche. Wenn Kaviar und Trüffel nicht mehr exklusiv genug sind und man keine Neigung zum Kannibalen hat, muss man eben andere teure Sachen futtern. Erinnerst du dich an das letzte Meerschweinchen? So vor fünf Jahren? Keiner weiß, wo es abgeblieben ist, aber ich kann dir sagen, dass ein gewisser Aufsichtsrat an einem gewissen Abend die ganzen Bosse der umliegenden Konzernregierungen zum Essen eingeladen hat!“
„Aber ein Meerschweinchen! Das reicht doch nicht!“ Die Möwe keckert laut, ein hektischer Schlag ihrer Flügel und sie stürzt sich auf das Butterbrotpapier, packt es mit dem Schnabel, schwingt sich in die Luft. Rudi stochert zwischen den Zähnen. Seine Lippen sind dunkel, im Licht der untergehenden Sonne schimmern sie in einem tiefen Violett.
„Du bist ein Prolet, Abner. Wenn jeder von diesen Schnöseln ein Fitzelchen Meerschwein auf dem Kanapee gehabt hat, war ein einzelner Bissen davon mehr wert als alles, was du und ich in unserem ganzen Leben verdienen werden.“
„Schon gut, war nicht ernst gemeint. Aber wer isst denn einen Pudel?“
Mit einem Schulterzucken wendet sich Rudi der Rüde ab. Er zieht seine Aktentasche zu sich her und beginnt, sie umständlich, unter leisem Gemurmel, zu schließen. Schiebt den rechten Verschluss zusammen und lässt ihn einrasten, atmet tief und rasselnd. Klickt die linken Verschlussteile ineinander, stützt sich auf der Sitzfläche der Bank ab und wuchtet sich hoch.
„Rudi, warum machst du das immer noch?“
Der Rüde geht ein paar Schritte, dann dreht er sich noch einmal um. Seine Ohren zucken.
„Weiß nicht. Ich mag die Tiere. Hab nichts anderes. Es dauert ja nicht mehr lange.“ Mit einem schiefen Lächeln, halb bedauernd, halb verschmitzt, zieht er das Säckchen mit dem blauen Pulver aus der Manteltasche, er schüttelt es und feiner Nebel stäubt heraus. „Meine Zeit ist sowieso nur noch geliehen, Abner. Aber solange ich Kredit bekomme …“
Damit wendet er sich ab. Abner schaut ihm nach, so lange, bis die kleine, geduckte Gestalt zwischen den rostigen Containern verschwindet.