Kalle Klabauter war nicht immer der jüngste Seeräuberkapitän der Welt. Am Anfang war er ein einfacher Matrose an Bord des Dreimasters Möwe – aber auch dort war er der jüngste Matrose an Bord.

Eines Tages war die Möwe auf dem Weg von der Südsee zurück in den Heimathafen im alten Land, voll beladen mit Zucker und Rum. Kalle Klabauter war gerade oben im Ausguck, um nach fliegenden Fischen Ausschau zu halten, da wurde die Möwe von einem Piratenschiff mit blutroten Segeln gekapert.

Das Schiff trug den Namen Orca und sein Kapitän war der schreckliche Pirat Haizahn. Der hatte statt normaler Zähne sieben Reihen von rasiermesserscharfen Eisenzähnen im Mund, die so hart waren, dass er damit Kieselsteine kauen konnte wie andere Leute Kaugummi.

Kapitän Haizahn und seine Piratenbande kaperten also die Möwe und nahmen ihre Mannschaft gefangen. Nur Kalle Klabauter oben in seinem Ausguck, den fanden sie nicht. Er lag ganz still und schaute durch eine Ritze zu, wie seine Matrosenfreunde einer nach dem anderen im Laderaum des Piratenschiffes eingesperrt wurden.

Als es Nacht wurde und die Piraten vom Rum, den sie erbeutet hatten, schon ganz beduselt waren, kletterte Kalle vorsichtig vom Ausguck herunter und versteckte sich in einer der dicken Kanonen der Orca. Dort schlief er ein, müde von all der Aufregung. Noch im Traum hörte er das Gegröhle der Piraten.

Am nächsten Morgen erwachte er von einem lauten Knall! Kapitän Haizahn hatte Befehl gegeben, die Möwe zu versenken. »Was soll ich mit zwei Schiffen ?«, rief er und zündete selbst die Kanone, mit der ein riesiges Loch in den Rumpf der Möwe geschossen wurde. Kalle Klabauter liefen die blanken Tränen über die Backen, als er zusehen musste, wie sein Schiff in den Fluten verschwand. Dann erst wurde ihm klar, was er für ein Glück gehabt hatte. Hätte Kapitän Haizahn die Kanone genommen, in der er sich in der Nacht versteckt hatte, wäre Kalle wohl bis zurück in die Südsee geschossen worden.
Auf jeden Fall musste er jetzt etwas unternehmen. Aber was? Lange lag Kalle in seinem Kanonenrohr und überlegte. Wie Kalle so dalag und dachte, hörte er mit einem Mal ein Rascheln. Wenig später schob sich eine pelzige Schnauze in das Eisenrohr, gefolgt von einem Paar blitzender Knopfaugen.
»Hallo,« flüsterte Kalle, »Wer bist denn du?«
»Ich bin der Rattenkönig!« piepste es zurück. »Was machst du hier in der Kanone?«
»Ich warte darauf, dass mir eine Idee kommt.«
Der Rattenkönig richtete sich auf die Hinterbeine auf und strich sich den Schnurrbart glatt.
»Sag mir, was für eine Idee du brauchst, kleiner Mensch,« meinte er, »Ich habe eine ganze Menge davon auf Lager!«
Also erklärte Kalle Klabauter dem Rattenkönig seine Lage. Der wiegte bedächtig den Kopf, kratzte sich hinter den rosa Segelohren und sagte: »Das ist aber schon sehr schwierig! Den Kapitän Haizahn kannst du nicht so einfach besiegen. Er ist stark wie drei Ochsen und er beißt zu wie ein Nussknacker. Und er hat vor nichts Angst! Vor keinem Menschen und vor keinem Tier. Nur vor seiner Großmutter. Die war nämlich eine noch viel schlimmere Piratin als er. Er hat ein Bild von ihr auf seinem Nachttisch. Davor gruselt er sich jeden Abend. Aber er hat viel zu viel Angst vor ihr, als dass er es wegwerfen könnte.«
»Seine Großmutter also…« Darüber musste Kalle schon wieder nachdenken. Über das Denken wurde es Abend und dann wurde es Nacht. Als es richtig dunkel war, kroch Kalle aus seinem Kanonenrohr und schlich über das Deck, hin zur Stiege, die zur Schlafkabine des Kapitäns führte. Neben ihm huschte der Rattenkönig über das Deck.
»Kannst du mir das Bild von der Großmutter des Kapitäns von seinem Nachtisch klauen?« flüsterte Kalle dem Rattenkönig zu. »Nichts leichter als das!« antwortete der. »Und dann brauche ich noch eine Laterne und eine Schere. Und eine Gießkanne oder so.«
»Das ist kein Problem. Geh in die Kombüse, dort findest du alles. Der Koch schläft sicher schon längst. Die Gießkanne ist im Fach unter der Spüle. Er gießt damit seine Petersilie.«
Damit verschwand der Rattenkönig im Dunkeln und Kalle machte sich auf den Weg in die Kombüse. Wenig später trafen sich die beiden vor der Tür der Kapitänskajüte wieder. Kalle Klabauter bedankte sich erst einmal bei seinem neuen Freund für die Hilfe, dann nahm er das Großmutterbild aus dem Rahmen und begann, mit der Schere die Umrisse des Großmutterkopfes aus dem Papier auszuschneiden. Anschließend spuckte er kräftig auf das Glas der Laterne und pappte das ausgeschnittene Bild darauf.
»So,« flüsterte er, »jetzt kommen wir zum Höhepunkt der Vorstellung!« Leise, ganz leise, öffnete er die Tür zum Raum des Kapitäns. Der lag in seiner Koje und schnarchte, dass die Wände wackelten. Kalle hatte die Laterne schon draußen angezündet, jetzt flackerte ihr Schein in der Kajüte umher wie ein tanzendes Gespenst. Einen Augenblick lang schaute er sich noch um, dann ließ Kalle das Laternenlicht auf einer der Wände ruhen.
»Sehr gut,« murmelte er und der Rattenkönig pfiff leise durch die Zähne. Dort, an der Wand, war klar und deutlich der Schatten von Haizahns Großmutter zu sehen, schwarz und riesengroß und unheimlich.
Jetzt nahm Kalle Klabauter die Gießkanne in die Hand. Er holte tief Luft, kniff die Augenbrauen zusammen und rief dann mit möglichst tiefer Stimme direkt in die Ausgusstülle: »Haizahn! Haizahn! Du unartiger Bengel! Ich bin gekommen, um dich zu holen!« Das dröhnte, als würden die Worte direkt aus der tiefsten und schwärzesten Höhle kommen, die man sich vorstellen kann.
Schon beim ersten »Haizahn‹ war der Piratenkapitän aufgewacht. Zuerst hatte er sich nur aufgesetzt, aber dann fiel sein Blick auf den Schatten an der Wand und alle Farbe wich aus seinem Gesicht, selbst aus der schnapsroten Seeräuberknollennase. Die Haare standen ihm zu Berge, die Augen riss er so weit auf, dass sie ihm fast aus dem Kopf fielen und dann sprang er aus dem Bett und rannte aus dem Zimmer – nur im Nachthemd, so schnell, dass er schon die halbe Stiege hinauf war, ehe Kalle fertig gesprochen hatte. Dabei jaulte und schrie er wie tausend Schlosshunde auf einmal. Kalle klingelten die Ohren, als Haizahn an ihm vorbeistürzte, ohne ihn auch nur eines Blickes zu würdigen.
Oben an Deck angekommen, sprang der Kapitän in ein Beiboot und ließ es zu Wasser. Inzwischen waren auch die anderen Piraten wach geworden von all dem Lärm, sie rannten an Deck, ganz schlaftrunken und verwirrt. Als sie ihren Anführer sahen, wie der heulend und zähneklappernd vom Schiff flüchtete, kriegten auch sie es mit der Angst zu tun und taten es ihm gleich. Bald waren ihre Ruderboote nur noch als kleine Punkte am Horizont zu erkennen, so eilig hatten sie es, Abstand zwischen sich und die Orca zu bringen.
Kalle Klabauter hatte nun alle Zeit der Welt, seine Kameraden von der Möwe zu befreien. Wie freuten die sich! Sie klopften ihm auf die Schultern und ließen ihn hochleben. So ein Jubel!
Nach einer Weile aber wurden sie wieder traurig und fragten: »Was sollen wir denn jetzt machen, ohne Schiff?« Da lachte Kalle und sagte: »Aber wir haben doch ein Schiff, ein sehr schönes sogar. Ihr steht ja gerade schon drauf!«
»Aber es ist doch ein Piratenschiff!«
»Dann müssen wir wohl Piraten werden,« beschloss Kalle. »Oder Seeräuber! Aber wir werden gute Seeräuber, wir jagen nach verborgenen Schätzen und nach Perlen im Meer!«
»Oh ja!« jubelten die anderen Matrosen, »das machen wir!« Und der alte Kapitän der Möwe meinte: »Aber ich will kein Kapitän mehr sein. Das musst du jetzt machen, Kalle. Ich will lieber euer Koch werden. Meine Zwiebelsuppe ist weltberühmt und wir haben lange genug von Dosenravioli gelebt!«
»Abgemacht!« riefen alle und so kam es, dass Kalle Klabauter der jüngste Seeräuberkapitän der Welt wurde.