Aus dem Maul des Fuchsbaues zuckte eine Schnauze hervor, fuhr hin und her, nahm Witterung auf – zwei Augen, die im dämmrigen Abendlicht aufflackerten. Ein Huschen: Es schien, als schlüpfe etwas aus der Erde, nahe am Boden.
Ein kleines Tier.
Dann wuchs der Schemen, strebte auseinander, reckte sich, streckte schattige Gliedmaßen.

Über ihnen brach eine Lücke in den Wolken auf. Ein Streifen Abendsonne fiel herab, schmutzig rot wie verlöschende Glut, und griff nach der Gestalt auf der Lichtung. Sie hob einen Arm – einen menschlichen Arm – vor die Stirn, fauchte, barg das Gesicht in Dunkelheit.
Raban duckte sich tiefer ins Gebüsch und blinzelte. Fast wäre er versucht gewesen, ein paar der Zweige zur Seite zu schieben, um einen näheren Blick zu erhaschen. Doch dann hauchte es ihm kalt in den Nacken, Schaudern durchlief seinen Körper. Eine eisige Welle schwappte von der Gestalt auf der Lichtung zu ihm herüber und mit ihr griff Furcht nach seinen Knochen. Raban kniff die Lippen zusammen und versuchte, so flach wie möglich zu atmen. Borken, der sich neben ihm auf den Boden gekauert hatte, bewegte sich – beinahe unmerklich, aber das Geräusch von reibendem Stoff klang Raban laut in den Ohren. Er schaute hinab zu seinem Freund, hob die Augen erneut zur Lichtung … und keuchte auf:
Nur ein paar Schritte von ihnen entfernt, gerade neben dem Eingang zum Fuchsbau, stand ein Mann, hoch gewachsen, schmal gebaut – nein: dürr. Schütteres Haar umwehte den Schädel wie Nebelschwaden. War die Gestalt nicht eben noch nackt gewesen? Nun umhüllte eine aschgraue Jacke den Oberkörper, zwei lange Rockschöße hingen über die zerknitterten Hosenbeine hinab. An den Füßen trug der Unbekannte Lederstiefel mit Schnallen aus trübem Metall.
Noch immer hielt er das Gesicht bedeckt, einen Arm vor der Stirn, den anderen von sich gestreckt, so, als wolle er etwas ertasten in der Leere.

Kein Laut durchdrang die Stille des Waldes. Kein Blatt raschelte. Die beiden Beobachter in ihrem Versteck wagten es kaum, zu atmen.
Dann, auf ein Signal hin, das die beiden nicht hören konnten, nur spüren wie eine klamme Berührung auf Ohren und Nacken – auf ein Signal hin, das nur für die Schatten der Nacht und die Wesen der Dunkelheit bestimmt war, warf sich die unheimliche Kreatur in einer geschmeidigen Bewegung auf alle Viere und verschwand mit zwei Sprüngen im Dickicht.
Das war der Geisterfuchs.

Raban zitterte am ganzen Leib. Die eisige Furcht war ihm in Arme und Beine gekrochen, sie fühlten sich taub an und zitterten wie nach großer Anstrengung … mühsam beruhigte er seinen Atem. „Er ist weg“, wisperte er sich selbst zu, immer wieder, „er ist weg. Er ist weg.“
Borken ging es nicht besser. Der kleine Wurzelwicht hatte die Hände ineinander verkrampft, seine Augenlider waren fest zusammengekniffen.
„Er ist weg, Borken, du kannst die Augen wieder aufmachen“, flüsterte Raban. Zwischen zusammengepressten Zähnen hindurch hauchte der Wurzelwicht zur Antwort: „Ein Glück, lange hätte ich das nicht mehr ausgehalten.“ Er sah aus, als würde er gleich in Ohnmacht fallen.
„Bist du dir sicher, dass du das tun willst?“, fragte Raban. „Wenn ich gewusst hätte, wie unheimlich dieser Kerl ist …“
„Ich bin mir ganz und gar nicht sicher“, erwiderte Borken mit einem gequälten Lächeln, „aber jetzt führt kein Weg mehr zurück. Oder willst du der Adlerin sagen, dass wir es uns im letzten Moment anders überlegt haben? Dass das Ei bis in alle Ewigkeit dort unten bleiben wird? Das bricht ihr das Herz!“
Raban nickte. Borkens Blick glitt noch einmal sehnsüchtig über den wolkenverhangenen Himmel. Er straffte die Schultern, zog die Nase hoch und trat hinaus in die Lichtung. Der Bau des Geisterfuchses gähnte den beiden aus dem taufeuchten Gras entgegen.
„Wie der Eingang zur Unterwelt“, wisperte der Wurzelwicht mit rauer Stimme.
Aus seinem Rucksack zog er eine kleine Kienfackel und legte sie vor sich auf einen Stein. Es fiel ihm schwer, die Hände ruhig zu halten, als er mit Stahl und Feuerstein einen Funken schlug, um das harzige Holz zu entzünden.
Noch einmal sog er einen Atemzug der frischen Abendluft in die Lungen. Dann begann er den Abstieg in die Dunkelheit.

Habe ich eigentlich schon von den Wurzelwichten erzählt? Nein? Dann wird es höchste Zeit.
Aber fragt mich bitte nicht, wie Wurzelwichte geboren werden. Da müsste ich mich zunächst selbst erkundigen. Und ob ich es jemals heraus finden würde, ist fraglich. Sie machen nämlich ein großes Geheimnis daraus. Was ich weiß, ist, dass sich jeder Wurzelwicht einen eigenen Baum sucht: im Wald, auf einer Wiese oder im Stadtpark – wo auch immer. Hat er einen gefunden, legt er um dessen Stamm einen Garten an. Ihr habt sicher schon mal so einen Wurzelgarten gesehen. In manchen von Ihnen sprudelt eine Quelle über ein Bett bunter Kiesel oder Sträucher mit blauen und roten Beeren bedecken den Boden in einem dichten Teppich. In südlichen Ländern bauen die Wichte Terrassen mit Kakteen in den heißen Sand unter Dattelpalmen oder sie arrangieren Steine zu filigranen Bauwerken. Der Baum bedankt sich bei seinem Gast für die Pflege, indem er ihm von den Geheimnissen erzählt, die er in der Erde ertastet und von den Geschichten, die ihm der Wind in seinem Wipfel zuflüstert.

Im Aussehen gleichen die Wichte den Bäumen. Sie haben einen stämmigen Körper und dunkelbraune Haut, ihre Hände sind hart und knorrig, wie geschaffen dafür, in der Erde zu graben. Aus den tausend Runzeln ihres Gesichts blitzt ein Paar grüner Augen – grün wie das Büschel Haare, das auf ihrem Kopf wuchert.
Und sie sind klein: Einem erwachsenen Menschen geht ein Wurzelwicht gerade mal bis zum Knie.
Normalerweise sind sie fröhliche Gesellen. Sie singen gerne bei der Arbeit, manchmal pfeifen sie gemeinsam mit den Vögeln ein Liedchen. Abends lieben sie es, mit anderen Leuten zusammen zu sitzen und zu plaudern.

Der Wurzelwicht in unserer Geschichte war ganz und gar nicht fröhlich. Im Moment zumindest.
Borken stand vor dem Bau des Geisterfuchses und linste vorsichtig hinein. Das Loch, aus dem der Geisterfuchs hervor gekrochen war, roch nach Schimmel und feuchter Erde. Ein paar Schritte weit ging es steil abwärts, dann verlor sich der Blick in Dunkelheit. Borken setzte vorsichtig Fuß vor Fuß, um auf dem abschüssigen Boden nicht auszurutschen und bald fand er sich in einem engen Tunnel wieder. Von der Decke hingen feine Wurzeln herab, die Seiten und der Boden bestanden aus fest gestampfter Erde: wie in der Behausung eines gewöhnlichen Tieres. Aber je weiter er vordrang, desto fremdartiger erschien dem Wurzelwicht seine Umgebung. Immer tiefer ging es, über Rampen und grob gehauene Treppenstufen. An einigen Stellen weitete sich der Tunnel zu Räumen, in denen auch Raban hätte aufrecht stehen können. Dann wieder wurde der Erdbau unterbrochen von Keramikfließen oder gezackten metallenen Platten, die in Wände und Fußboden eingelassen waren. Und immer flackerte das Licht der Kienfackel unstet über dunkle Nischen, in denen Schatten lauerten und wer weiß was sonst noch alles.

Einmal kam Borken an einer Reihe von Abzweigungen vorbei. Die abgehenden Gänge waren von einem dichten Gespinst aus Spinnfäden verschlossen. Ab und an war es, als wehte ein leiser Hauch durch sie hindurch, der sie hin und her wogen ließ wie Geistergewänder. Vorsichtig trat er näher, um zu schauen, was sich dahinter verbarg. Als er einen der Fäden berührte, wickelte sich der wie von eigenem Willen getrieben um seine Hand, klebrige Schlingen krochen seinen Arm hinauf und zogen sich immer fester zusammen. Borken lief ein heißer Schauer über den Rücken, nur mit Mühe gelang es ihm, sich loszureißen. Eilig hastete er weiter, die Gespinste winkten ihm sanft schaudernd hinterher. Ging da nicht ein Seufzen durch die stille Luft? Oder war es der Bau selbst, der leise ächzte? Während Borken immer tiefer in das Dunkel vordrang, schien es ihm, als sei alles um ihn herum getränkt von Leid und Traurigkeit, als würde jedes Staubkorn, jede Spinnwebe klagen vor verzweifelter Einsamkeit.Dieses Gefühl war so stark, dass es immer mehr Besitz von Borken ergriff.

Gerade, als er glaubte, nicht mehr weiter gehen zu können vor lauter Trübseligkeit, kam Borken an eine Kreuzung. Drei Wege führten vor ihm ins Dunkel und sie sahen alle gleich aus – schwarze Löcher im flackernden Licht seiner Fackel. Fast wäre er umgekehrt: Er spürte, wie sich die Angst erneut in seinem Magen regte und ihm mit kalten Fingern den Hals enger drückte.
In diesem Augenblick, tief unter der Erde, erinnerte sich der Wurzelwicht an eine ganz bestimmte Sache – und ich fürchte, ich muss schon wieder abschweifen.
Oder, noch besser, ich fange mit dem Anfang an. Keine Sorge, wir lassen Borken nicht lange allein.